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Der
Ur-Amazonas
Zunächst
muss man sich die erstaunliche Tatsache vor Augen führen, dass die
Amazonas-Region einst Teil eines anderen Kontinents war, der viel größer
war als das heutige Südamerika. Vor Hunderten von Millionen Jahren gehörten
die Felsformationen und Bergketten der Amazonas-Region zu Gondwanaland,
dem urzeitlichen Riesen-Kontinent der südlichen Hemisphäre. Mit der
Antarktis als Zentrum umfasste Gondwanaland Südamerika, Afrika, Indien
und Australien. Die konvexe Ostküste Südamerikas fügte sich damals in
die konkave Westküste Afrikas ein, und das heutige Mündungsgebiet des
Amazonas grenzte damals einen Amazonas, aber er floss westwärts, wie
die Form des heutigen Amazonasbeckens deutlich erkennen lässt. Im
Osten, wo der Oberlauf des Flusses gewesen wäre, ist das Becken eng,
nach Westen hin breitet es sich über eine lange Strecke immer weiter
aus, wie das bei Flüssen zur Mündung hin gewöhnlich der Fall ist.
Dieses urzeitliche Bild der Amazonas-Region wurde vor rund 100 Millionen
Jahren zerstört: Gondwanaland wurde von starken Kräften tief unter der
Erdkruste allmählich zerrissen, die Teile trieben auseinander und
bildeten die heutigen Kontinente. Der heute allgemein akzeptierten
geologischen Theorie zufolge besteht die Erdkruste im wesentlichen aus
zwei Felsschichten. Die untere Schicht wird vom Basalt gebildet und umgürtet
die ganze Erdkugel; sie bildet den Meeresboden und die Fundamente, auf
denen die Kontinente ruhen. Die Kontinente, die aus leichterem Granit
bestehen, bilden die obere Schicht; sie schwimmen auf dem
Basalt-Untergrund wie Flösse auf der Wasseroberfläche. Man könnte sie
treffend als den Schaum der Ur-Erde bezeichnen.
Mehrere zehn Millionen Jahre lang quollen mächtige Ströme aus dem flüssigen
Erdinnern empor und zerrissen sowohl die Basaltschicht unter
Gondwanaland wie auch die darüberliegende Granitschicht des
Urkontinents. Die unterirdischen Ströme bahnten sich ihren Weg nach
oben; dabei entstand in der Basaltschicht ein Rücken, der die
angrenzenden Schichten nach beiden Seiten auseinanderdrängte. Da Südamerika
auf dem westlichen Teil lag, driftete es als isolierter Kontinent allmählich
nach Westen. Hinter ihm blieb eine riesige, immer breiter werdende
Spalte zurück - der heutige Südatlantik. Bei dieser Wanderung nach
Westen geriet Südamerika jedoch mit dem Boden des Pazifischen Ozeans in
Konflikt, der ihm- unter der Einwirkung ähnlicher Kräfte aus dem
Erdinnern - entgegenkam. Als Äonen später beide aufeinander trafen,
musste ein Teil nachgeben; die Folge der Kollision zwischen diesen
beiden treibenden Segmenten der Erdkruste war die gegenwärtige Struktur
der Amazonas-Region.
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brasilien.de
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An dieser großen geologischen Umbildung waren zwei Arten von Felsen
beteiligt. Wie alle Kontinente bestand auch Südamerika aus dem alten
granitenen Felskern und anderem, durch Druck und starke Erhitzung in der
Erdkruste gehärtetem kristallinen Gestein; dazu kamen noch jüngere
Gesteinsmassen, die sich durch Sedimentation oder Vulkantätigkeit
gebildet hatten. Dieses jüngere Gestein an der Mündung des alten,
westwärts fließenden Amazonas war es, das die ganze Gewalt der
Kollision mit dem Boden des Pazifischen Ozeans zu spüren bekam. Als der
Kontinent sich über den Meeresboden schob, türmte sich das jüngere
Gestein in einer Reihe riesiger Falten und Windungen auf und ließ so
die Anden entstehen. Dieses neue, hohe Gebirge blockierte die Mündung
des Ur-Amazonas; westlich von ihm bildete sich ein gewaltiges Süsswasser-Becken.
Wann all dies geschah, ist noch umstritten. Wahrscheinlich begann die
Auffaltung der Anden schon vor ungefähr 100 Millionen Jahren, aber es
verging fraglos eine sehr lange Zeit, bis die Anden zu ihrer heutigen Höhe
angewachsen waren; einige Wissenschaftler vermuten, dass sie noch heute
Weiterwachsen.
Zu welchen Zeitpunkt die Anden auch entstanden, eines steht fest: Aus
dem Becken des ursprünglich westwärts fließenden Flusses wurde ein
See; denn solange dieses Becken aus altem Sedimentgestein mit Wasser gefüllt
war, wurden von den zahlreichen Nebenflüssen des Amazonas weitere
Sedimente angespült, fanden keinen Ausweg und lagerten sich einige
hundert Meter hoch ab. Irgendwann im Verlauf der letzten 50 Millionen
Jahren fand das Süßwasser aus dem Amazonas-See eine Abflussmöglichkeit,
und die Sedimente auf seinem Grund wurden zu dem flachen Boden des
gegenwärtigen oberen Amazonasbeckens. Diese Abflussmöglichkeit ergab
sich durch eine weitere Bewegung des Kontinents. Wie Flösse, die auf
dem Kamm einer Welle reiten oder in ein Wellental hinabgleiten, können
auch Kontinente auf der Schicht, auf der sie ruhen, höher oder tiefer
zu liegen kommen und sich dabei neigen. Genau dies geschah mit Südamerika.
Der gesamte Kontinent neigte sich nach Osten, und die Wassermassen
fanden durch die schmale Lücke zwischen den Felsschilden von Guayana
und Brasilien hindurch einen Abfluss in den Atlantik; so konnte sich der
Süßwasser-See entleeren und das heutige Amazonas-Becken entstehen.
Die nächsten geologischen Veränderungen traten vor relativ kurzer Zeit
ein - die erste von ihnen vor bloßen drei Millionen Jahren, in
geologischen Zeitbegriffen also gewissermaßen vorgestern. Nachdem sich
Südamerika von Gondwanaland gelöst hatte, war es ein Inselkontinent
gewesen, der von Nordamerika, das ungefähr 60 Millionen Jahre früher
von Europa fortgetrieben war, völlig getrennt existierte. Dann bildete
sich aus der bisherigen Kette vulkanischer Inseln zwischen den beiden
Kontinenten ein durchgehender Damm, der Isthmus von Panama. Zum ersten
Mal seit vielleicht 60 Millionen Jahren gab es damit eine Landbrücke,
über die Tiere und Pflanzen von Nord- nach Südamerika und umgekehrt
wandern konnten. Die Tatsache, dass sich diese Landbrücke erst vor so
relativ kurzer Zeit bildete, bedeutet, dass sich die südamerikanischen
Wälder und ihre Bewohner viele Millionen Jahre lang praktisch ohne
Einmischung von außen entwickeln konnten, wie dies auch in einem
anderen Teil des alten Gondwanaland, nämlich in Australien, der Fall
war.
Das jüngste geologische Ereignis von Belang fand vor ungefähr einer
Million Jahren während der Eiszeit statt. Das Amazonas-Becken selbst
entging der Vergletscherung; in den Polargebieten jedoch wurden
unermessliche Niederschlagsmengen in Form von Eis gebunden, anstatt ins
Meer zurückzukehren. Die Folge hiervon war, dass sich der Wasserspiegel
des Südatlantik mindestens 90m senkte.
Dadurch entstand ein weitaus stärkeres Gefälle an den Flussmündungen,
die Flüsse begannen schneller zu fließen und gruben tiefe Betten in
die weichen Sedimente auf dem Grund des Beckens. Als das Eis schmolz,
hob sich der Meeresspiegel wieder und überflutete die Flussmündungen
und das riesige Delta des Amazonas in einem solchen Ausmaß, dass viele
der tief ausgewaschenen Flussbetten am Unterlauf des Amazonas inzwischen
unter dem Meeresspiegel liegen - der größte Teil des Wassers fließt weiterhin oberhalb des Meersspiegels -.
Gleichzeitig verwandelte dieses Ereignis die Mündungen vieler großer Nebenflüsse des Amazonas - wie z.B. des Tapajos und des Rio Negro - in
große Seen, die zum Teil so breit sind, dass man kaum über sie
hinwegblicken kann. Die Flüsse selbst flossen wieder langsamer und füllen
sich erneut mit Schlamm.
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