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Der
Rio
Amazonas
Warum der
Amazonas als Fluss der Flüsse gilt, wird schnell deutlich, wenn man
sich seine Größe bewusst macht: Sein Volumen entspricht dem
Hundertfachen des Rheins, bei Hochwasser schwillt seine Flut auf
mehr als 280.000 Kubikmeter pro Sekunde an. Den nächstgrößten Fluss
der Erde, den Kongo, übertrifft der Amazonas um das Zweieinhalb- bis
Fünffache an Wasserführung, der Mississippi hätte sogar Zwölfmahl in
ihm Platz. Und die Schweiz wäre in ihm nur eine Insel - so wie die
Insel Marajó, die im 250 Kilometer breiten Mündungsdelta liegt und
etwa so groß ist wie das Land der Eidgenossen.
Misst man die
Länge des Amazonas bis zu seiner Entferntesten Quelle, hoch in den
Anden, erreicht er unglaubliche 6.788km. Über eine Strecke von gut
2.000km ist der Hauptlauf durchschnittlich fünf Kilometer breit,
aber bei Hochwasser zieht sich der Fluss auf bis zu 120km
auseinander. Er ist so tief, durchschnittlich 30-40, stellenweise
sogar 100m, dass ihn selbst Hochseeschiffe befahren können,
normalerweise bis Manaus,
bei Hochwasser bis nach Iquitos am Fuß der Anden in Peru.
So genau seine Masse erforscht sind, woher der Amazonas
seinen Namen hat, steht nicht mit Gewissheit fest: Man nimmt an,
dass er darauf zurückzuführen ist, dass die Tupi-Indios den Fluss
Amassunú nannten.
Rätselhaft blieb lange Zeit, weshalb
Meeresbewohner wie Haie, Rochen, Seezungen, Garnelen und sogar
Delphine, die den Amazonas bevölkern, Tausende Kilometer von der
Meeresküste entfernt existieren können. Die Erklärung lieferte die
Geologie: Bis vor 130 Millionen Jahren gehörten Afrika und
Südamerika zum Riesenkontinent Gondwana; der noch längere Ur-Amazonas
mündete damals in den Pazifik. Nachdem der Urkontinent zerbrach,
driftete die südamerikanische Kontinentalplatte nach Westen und
kollidierte mit der Erdkrustenplatte des Pazifiks. Durch den
Zusammenprall entstanden die Anden, die sehr schnell die Mündung des
Amazonas blockierten. Der Strom änderte daher seine Fließrichtung
und bahnte sich einen Weg zum Atlantik. Den Meeresbewohnern blieb
keine Zeit mehr zur Umkehr, sie mussten sich an das aus den Anden
herab strömende Süßwasser anpassen oder
aussterben.
Schwarzwasser trifft man vorwiegend im
nördlichen Teil Amazoniens an, z.B. im Rio Negro, dem "schwarzen Fluss". Solche Flüsse durchfließen riesige Sumpfwälder und schwemmen
die Humussubstanzen mit sich fort. Die ausgewaschenen Böden färben
das Wasser bernsteinfarben, es ist nährstoffarm und voll Huminsäure,
mit pH-Wert 4; die Sichttiefe beträgt noch etwas mehr als einen
Meter. Die Schwarz- und Klarwasserflüsse entwässern die Gebiete
Nord- und Südamazoniens, deren Untergrund zu den ältesten
Gesteinsschichten der Erde zählt. Ihre Böden sind tiefgründig
verwittert, ausgelaugt und können keine Nährstoffe mehr liefern.
Moskitos finden hier keine Lebensgrundlage, weshalb diese
Plagegeister kaum anzutreffen sind.
Alle
grossen, weisse
Flüsse - mit Ausnahme des Rio Branco - finden sich in der westlichen
Ausbuchtung des Amazonas-Beckens und lassen sich in die Anden
zurückverfolgen; der weiße Ucayali führt zur eigentlichen Quelle
des Hauptstroms, der gleichfalls weiß ist. Die Weißwasserflüsse
liefern aus den geologisch jungen Anden wertvolle Nährstoffe, die
sie während der Hochwasserperioden entlang der Flussläufe ablagern.
Das Wasser dieser Flüsse ist PH-neutral, sehr mineral- und
schwebstoffreich, mit einer Sichttiefe von maximal einem halben
Meter. Die fruchtbaren Lehmschichten der zeitweilig überschwemmten
Uferzonen, der "Várzeas", sind die bevorzugten Siedlungsgebiete für
die Kleinbauern, aber auch für Moskitos. Deshalb sind die meisten
Bewohner dieser Gebiete schon ein- oder mehrmals mit der Malaria in
Berührung gekommen.
Der größte
Teil Zentral- und Ostamazoniens wird von Klarwasserflüssen
durchzogen, deren größte der Rio Tapajós und der Rio Xingú sind.
Klarwasser ist mit destilliertem Wasser vergleichbar und kaum
verunreinigt. Die Sichttiefe reicht bis zu vier Metern, und der
pH-Wert tendiert zu sauer.
Die blaugrünen Flüsse wie zum
Beispiel der Tapajos und der Xingu entwässern das Brasilianische
Bergland im Süden und fließen nordwärts in den Amazonas ab. Sowohl
die schwarzen wie auch die blaugrünen Flüsse führen klares Wasser
und entspringen in den alten Felsformationen, die das Amazonasbecken
im Norden und Süden begrenzen. Sie sind deshalb so klar, weil sie
praktisch überhaupt keine Schwebstoffe enthalten. Sie gehören zu den
reinsten Gewässern der Welt, und man kann sich über den Bootsrand
lehnen und so unbesorgt aus ihnen trinken wie aus einer
Wasserleitung. Das gleiche gilt für die Flüsse, die vom Bergland von
Guayana herabkommen und in der Regel trüber und häufig schmutziggrün
gefärbt sind; in ihrer chemischen Zusammensetzung haben sie mit den
blaugrünen und den schwarzen Flüssen mehr gemeinsam als mit den weißen. Sämtliche aus Norden und Süden kommenden Flüsse sind
ungewöhnlich arm an lebenswichtigen Mineralien. Das kann nur eines
bedeuten: Die Felsformation der Bergländer von Brasilien und Guayana
zu beiden Seiten des Amazonas-Beckens sind so alt und
widerstandsfähig, dass über sie hinwegfliessende Flüsse und Ströme
sie kaum abzutragen vermögen. Oder anders ausgedrückt: was von ihnen
weggespült werden konnte, wurde bereits vor langer Zeit
weggespült.
Der
Amazonas
in
Zahlen
Länge des Stromes: zwischen 6.400km
und 7.025km, je nachdem, welchen Fluss die Geographen als Quellfluss
ansehen.
Wassermenge: zwischen 75.000 und 220.000
Kubikmeter, pro Sekunde je nach Monat und Ort.
Ausdehnung
des Beckens: 6.112.000 km²; im Flusssystem des Amazonas
fließen zwei Drittel des Wassers aller Flüsse der Erde. Das Becken
bedeckt rund zwei Fünftel des südamerikanischen
Kontinents.
Breite des Unterlaufs: 11
Kilometer
Breite an der Mündung: 100
Kilometer
Zahl der Nebenflüsse: 1.100 größere, von
denen 17 eine Länge von mehr als 1.600km haben; außerdem
schätzungsweise 100.000 kleinere Nebenflüsse.
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