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Der Amazonas
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Schätzungsweise 100.000 Nebenflüsse hat der zweitlängste Fluss der Erde. Auf über 6400 km zieht er seine Bahnen durch den Dschungel.
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Nil, der heilige Fluss Lebensquell

 

BIOGRAFIE 2

 

Lebensquell

Von Khaled Dawoud, Journalist bei der Tageszeitung Al-Ahram, Kairo

 

Der Blaue Nil entspringt zwar in Äthiopien, sein kostbares Nass wird aber fast ausschließlich von den Ägyptern genutzt. Dies ist seit Jahrzehnten Anlass zu Säbelrasseln zwischen den Anrainerstaaten. Ein neues Projekt lässt jedoch hoffen, dass die Gefahr eines Krieges um die Nutzung des Flusses künftig gebannt ist.

 

 

Die Legende erzählt, dass zur Zeit der Pharaonen das ägyptische Volk jeweils Geschenke nilaufwärts an das äthiopische Königreich sandte, um die Götter, welche die Flussquelle speisten, zu besänftigen. Ägypten hatte und hat noch immer allen Grund, ein Zeichen der Dankbarkeit zu setzen, denn 86% des Wassers, das heute zur Bewässerung des trockenen Landes genutzt wird, stammen aus dem Blauen Nil.

Diese einseitige Nutzung des Flusses – Äthiopien liefert das Wasser kostenlos an das unter Wassermangel leidende Ägypten – war einer harmonischen Beziehung zwischen den beiden Staaten abträglich. 1979 erklärte Ägypten das Schicksal des Nils gar zu einer dringenden Angelegenheit für die nationale Sicherheit. Als bekannt wurde, dass Äthiopien Pläne ausarbeitete für die Erschließung des Nils, seiner einzigen natürlichen Ressource, verkündete der damalige Präsident Anwar el-Sadat: «Das Einzige, wofür Ägypten noch einmal Krieg führen würde, ist Wasser.» 

Das Konfliktpotential rund um das Wasser kann nicht von der Hand gewiesen werden. Der Nil als einzige bedeutende Wasserressource Ägyptens bietet 95% der Bevölkerung im flussnahen fruchtbaren Landstreifen und im Delta Lebensraum. Im Gegensatz dazu wurde Äthiopien, das unter unsäglicher Armut und Unterentwicklung leidet, seit den 1970er-Jahren immer wieder von Dürrekatastrophen heimgesucht, die Millionen von Menschenleben forderten. Die Nutzung des Blauen Nils, der aus dem Tanasee im äthiopischen Hochland entspringt, wurde deshalb seit längerem ins Auge gefasst. Der Fluss soll zu wirtschaftlichem Wachstum beitragen und das Land, dem eine Bevölkerungsexplosion droht, bewässern und mit Elektrizität versorgen. Heute verbraucht Äthiopien bloß 2% seines verfügbaren Wassers. 

«Das Wasser fließt

immer in die Gebiete

mit dem geringsten

Widerstand.»

Moses Isegawa,

ugandischer Schriftsteller

(geb. 1963)

 

Vergiftetes Nachbarschaftsklima

Die Wasserteilung zwischen den beiden Staaten war immer schon ein politisch heikles Thema, aber die «säbelrasselnden» Bemerkungen Sadats vergifteten das Klima vollends. Nach einem zehnjährigen Flirt mit den USA unterwarf sich Äthiopien in den 1970er-Jahren dem marxistischen Regime von Mengistu Haile Mariam. Von ihm ins Land geholte sowjetische Experten verfassten Machbarkeitsstudien über mögliche Dammbauten an den Nebenflüssen des Nils und über die Wassernutzung. Dies veranlasste die Ägypter, mit der militärischen Zerstörung dieser Dämme zu drohen.

«Obschon derartige Drohungen die herrschende Meinung noch bestärkten, dass das Wasser der Auslöser für die künftigen Kriege in Afrika sein würde, waren diese Konflikte vielmehr eine Folge des kalten Krieges», schätzt Rushdie Saeed, einer der bekanntesten ägyptischen Wasserexperten, die Lage ein. Seit Beendigung des kalten Krieges sorgte das Nilwasser jedoch immer wieder für diplomatische Auseinandersetzungen. Zu Beginn der 1990er-Jahre etwa waren die Beziehungen zwischen Ägypten und dem Sudan äußerst gespannt. Die Sudanesen sollen sogar versucht haben, den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak zu stürzen. Als die Beziehungen zwischen den beiden Ländern einen absoluten Tiefpunkt erreichten, bildeten der Sudan und Äthiopien die Blue Nile Valley Organization, um mehrere wichtige Infrastrukturprojekte mit oder ohne Zustimmung Ägyptens zu überprüfen. Einmal mehr drohte Ägypten militärisch einzugreifen.

 

In der Zwischenzeit hat sich die Lage zwischen Kairo und Khartum zwar wieder entspannt. Dennoch sind Diplomaten und Experten überzeugt, dass einzig ein Grundsatzabkommen den Anrainern des begehrten Nilwassers Frieden bringen kann. Bis heute ist Ägypten nur an einen Vertrag mit seinen Nachbarn gebunden – nämlich an das Nilwasserabkommen von 1959 zwischen dem Sudan und Ägypten, das seinerseits wieder auf einer Vereinbarung von 1929 zwischen den ehemaligen Kolonialmächten beruht.

Äthiopien wird darin aber mit keinem Wort erwähnt.

 

Vor einer Bedarfsexplosion

Die Forderung nach einer gerechteren Verteilung des Flusswassers wird aber heute immer dringender. Äthiopien ist nicht nur von traumatischen Dürren und Elend betroffen, sondern muss in nächster Zeit auch mit einer Bevölkerungsexplosion rechnen: Aktuelle Zahlen belegen, dass die Einwohnerzahl von gegenwärtig 61,4 Mio. bis zum Jahre 2050 auf 186 Mio. steigen wird. Da nur 1,7% des bebaubaren Landes bewässert werden (in Ägypten sind es 100%), wird die Nachfrage nach Wasser exponentiell steigen.

 

Vielleicht ist eine dauerhafte Lösung bald in Griffnähe. Nach fünfjährigen Verhandlungen haben die zehn Anrainerstaaten des Nils – darunter auch Ägypten, der Sudan und Äthiopien – im Juli 2001 verlauten lassen, ihnen seien von der Weltbank finanzielle Mittel zugesichert worden, Abklärungen für eine gerechte Verteilung des Flusswassers durchzuführen. Die Verantwortlichen der Initiative für das Einzugsgebiet des Nils (NBI) rechnet damit, für diese erste Phase ein Darlehen von über 3 Mia Dollar zu erhalten. «Der Nil verfügt immer noch über ein großes unausgeschöpftes Potential, das den Anwohnern bedeutenden Nutzen bringen kann», erklärte Mahmoud Abu Zied, der ägyptische Minister für öffentliche Bauten, in einem Interview. «Jedes Land darf einen gerechten Anteil des Flusswassers für sich beanspruchen, ohne dadurch den anderen Anrainerstaaten zu schaden.» 

 

Die Erfahrungen, welche die Staaten am Mekong in Südostasien gemacht haben, dienen der Initiative bei ihrem Vorgehen als Vorbild. Seit 1957 sind Vietnam, Laos, Kambodscha und Thailand Mitglieder einer Kommission, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Einzugsgebiet des Mekongs beauftragt ist. Trotz politischen Differenzen zwischen den Staaten und fehlenden formalen Verträgen hat dieses Gremium dazu beigetragen, dass sich der Mekong zu einer Quelle regionaler Integration entwickelt hat. Das 1971 in Laos fertig gestellte Wasserkraftwerk von Nam Ngum versorgt das Land mit Elektrizität und deckt – selbst während gewalttätiger Konflikte nach der Eröffnung – 80% des thailändischen Strombedarfs.

 

Mit diesem Beispiel vor Augen hofft die Weltbank natürlich, dass das Nilwasser trotz unterschiedlichsten Vorstellungen einen ähnlichen Geist der Zusammenarbeit schaffen kann. «Probleme stellen sich beim Berechnen der künftigen Quoten. Sollte dabei die Größe des Territoriums, der Bevölkerung oder gar der Zugang zu anderen Wasserressourcen berücksichtigt werden?», fragte kürzlich ein ägyptischer Vertreter bei einem NBI-Treffen in Genf. «Wir bringen alle unterschiedliche Auffassungen und Antworten mit. Eine Lösung muss noch gefunden werden.»

 

Äthiopien hat bereits mit dem Bau kleiner Staudämme begonnen, um das Wasser des Blauen Nils zu nutzen. Die Projektverantwortlichen machen geltend, dass diese Dämme den Staaten flussabwärts Nutzen bringen werden, da sie den Sudan vor Überschwemmungen schützen und die Sedimentmenge im gestauten Nassersee verringern. Für den Wasserexperten Saeed sind diese Argumente nicht überzeugend genug. Er vertritt den Standpunkt, dass es gefährlicher sei, die Sedimente zu stoppen, als sie fließen zu lassen, da der Fluss dadurch an Strömungskraft gewinnen und in den nördlichen Gebieten des Nils Verwüstungen anrichten könnte. Saeed nimmt auch Stellung zu Äthiopiens Äußerung, mit neuen Staudämmen zusätzlich Energie ins benachbarte Ausland verkaufen zu können: «An welche Staaten Äthiopien konkret denkt, ist schwierig zu sagen, denn keiner ist industrialisiert oder ein großer Elektrizitätsverbraucher.» Trotzdem sind alle Parteien überzeugt, dass die Differenzen besser am Verhandlungstisch ausdiskutiert als durch die Generäle aus der Welt geschafft werden. Vielleicht entpuppt sich das Wasser, das zunächst wie Afrikas neuer Kriegsgrund aussah, als neues entspannungsförderndes Mittel.

Quelle: Sabine Sonnenschein, AfrikaLife, 25.09.2002

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