Second Life, ein neuer Lebensstil ?
Ein Erlebnisbericht von Emilie Ceawlin

Emilie mit Pinguin in Second Life
Second Life
Second Life! Irgendwie haben wir doch alle schon davon in den Medien gehört. Was ich bisher so mit bekam, waren es eher die negativen Seiten. Aber wenn es so negativ ist, warum sind dann über 1 Mio. User dort angemeldet und abends über 60.000 online?
Als ich mich vor zwei Jahren dort anmeldete, hatte ich die Vorstellung, dass es eine Erweiterung meiner liebgewonnen PC-Spiele, wie „Die Sims“, „Anno 1701“, „Tombraider“ und wie sie alle heißen, ist. Ich war immer schon von Simulationsspielen begeistert, ob es nun darum geht, eine Stadt zu bauen und zu verwalten, ein Häuschen zu gestalten und das Leben meiner Spielfigur zu beobachten, oder mit Lara Croft Abenteuer zu erleben. Einfach mal in eine andere Welt eintauchen, ähnlich wie bei einem Roman oder Film, nur dass man hier selber die Geschichte schreibt und aktiv an deren Gestaltung beteiligt ist.
Nach der Einrichtung des Accounts bei Second Life, der Installation und dem Einloggen in das Spiel steht man erst mal da mit seinem Pixelmännchen und schaut sich die Gegend an. Zugegebener Maßen ist der Anfang nicht ganz leicht, man muss lernen, wie man dieses Männchen bewegen kann, wie man von einem Ort zum Anderen kommt, wie der Chat und ggf. auch Voice funktioniert. Doch wenn ich das geschafft habe, schafft das jeder, einfach erst mal durchhalten und sich durch kämpfen, es lohnt sich!
In meinen zwei Jahren Second Life Erfahrung habe ich so gut wie alles ausprobiert, weil es einfach nur spannend ist. Zu Anfang war ich als Tänzerin in einem Club beschäftigt, habe per Chat die „Kunden“ animiert, den tollen Körper meines Pixelmädchens präsentiert, in dem es sich auf der Bühne an einer Stange rekelte. Nachdem ich wusste, wie so etwas in Second Life ablief, wollte ich mehr und wurde Managerin eines Clubs. Organisierte Events, führte Einstellungsgespräche mit Tänzerinnen, sprang im Notfall auch mal als DJ ein und arbeitete Hand in Hand mit dem Clubbesitzer. Ich konnte meine Ideen einbringen, oder auch mal Kritik üben, wie ein Club noch interessanter sein könnte. Doch ich wollte mehr, ich wollte viel mehr von Second Life entdecken, denn das Angebot ist groß. Ich schloss mich einer Gruppe an, die ich während meiner Shoppingtouren kennen gelernt hatte und verbrachte viel Zeit in einem Hardrock-Cafe. Per Chat und Voice ulkten wir rum, ließen unsere Männchen zu Rockmusik tanzen, brausten mit unseren Motorrädern über die Straßen, oder erzählten uns tolle Second Life Erlebnisse, die wir an neuen Orten erlebten. Mit einem guten Freund, den ich dort kennen lernte, erkundete ich viele Angebote des zweiten Lebens. So landeten wir zum Beispiel mal in einer Gegend, die Schauplatz für eine utopische Geschichte hätte sein können. Seltsame Pflanzen wuchsen hier, verlassene futuristische Häuser standen rum und ein grüner, seltsamer Fluss blubberte vor sich hin. Als wir uns weiter ins Innere dieser Landschaft wagten, wurde mein Freund plötzlich von einer Pflanze gefressen, ich hörte einen lauten Schrei von ihm und weg war er. Per Privatnachricht erfuhr ich, dass er wieder an den Eingang befördert wurde, dabei wollte er doch nur mal die Pflanze genauer ansehen. Später fanden wir noch raus, dass der Fluss wohl mit einer Säure gefüllt war, der unsere Männchen in alle einzelnen Pixel auflöste und man auch vor den seltsamen Käfern, die dort rumliegen, lieber reiß aus nahm.
Eine weitere, ähnlich futuristische Gegend fanden wir später noch, hier wurde man nicht aufgefressen, aber man musste Rätsel lösen, um den Weg nach draußen zu finden. In dieser Art gab es auch eine Burg oder Schloss mit vielen Geheimgängen, Gespenstern, Gruben und so weiter. Der Phantasie sind hier eben keine Grenzen gesetzt. Nach solch spannenden Erlebnissen suchten wir meist eine romantische Gegend auf, um uns zu erholen und das Erlebte zu verarbeiten. Oft schwebten wir dann mit einem fliegenden Teppich über eine asiatisch wirkende Gegend mit tollen Wasserfällen, Türmchen und den wunderschönsten Pflanzen. Oder setzen uns auf eine Bank in einem ruhigen Wald, genossen das Vogelgezwitscher, das Plätschern des Baches und schauten zu, wie langsam die Sonne unterging und ein letzter Strahl durch die Äste fiel.
Mein treuer Begleiter hörte von Rollenspielen, die in Second Life stattfanden und wie Männer nun mal so sind, ruck zuck hatte er ein Schwert am Gürtel hängen und wollte an solch einem Spiel teilnehmen. Also machten wir uns auf. Es gibt die verschiedensten Rollenspielmöglichkeiten, angefangen von mittelalterlichen Spielen, bis hin zu verlassen Städten, in denen nur noch genmanipulierte Menschen leben, der Wilde Westen, oder auch GOR. Ein Begriff, der mir vor Second Life nicht geläufig war. Hier leben die Herren, die ihre Sklavinnen halten und zu allen möglichen Diensten heran ziehen!!!
Da mein Freund aber ein neues Schwert hatte und dieses endlich mal benutzen wollte, landeten wir im Mittelalter. Wir kleideten uns entsprechend ein, ich im schönen langen wallenden Kleid, und begaben uns erst mal ins Wirtshaus. Dort erklärte man uns dann bei einem Becher Met das Rollenspiel, die Geschichte, die als Grundlage diente. Wir mussten uns für Kaste entscheiden, zu der wir gehören wollten. Ich entschied mich für die grüne Kaste und ich wollte Medizinfrau werden, mein Freund wollte natürlich Krieger werden und all seine Waffen nutzen.
Während unserer ganzen Touren lernte ich eine Gegend kennen, die mir so gut gefiel mit ihrer tollen Natur, wunderschönen Sonnenuntergängen, Enten, die auf dem See schwammen und vielen Details mehr, dass ich mir dort ein Häuschen mietete, dass auf Pfählen mitten im Wasser stand. Ich richtete es gemütlich ein und hatte nun auch in Second Life mein „second“ Heim!
Ich habe Euch nun in groben Zügen erzählt, was man in Second Life erleben kann, angefangen von tollen Jobs, die man einfach mal ausprobieren kann, bis hin zum Clubbesitzer, oder Manager. Je nach Fähigkeit kann man auch Builder werden und schöne selbstgebaute Häuser zum Verkauf anbieten, oder Kleidung in allen Stilrichtungen, bis hin zu Möbeln und Dekoartikeln. Oder man erkundet einfach die Gegenden, die andere User sich ausgedacht, oder detailgetreu nachgebaut haben. Auch die Rollenspiele machen riesig Spaß, oder einfach mit einem lieben Freund ein eigenes Zuhause aufbauen, oder zu einem der vielen Live-Music-Events gehen. Sogar heiraten kann man in Second Life, mit allem Tamtam. Angefangen von der richtigen Garderobe, bis hin zur Kapelle und dem Pfarrer, sowie den Ringen.
Probiert es einfach aus. Ich bin heute Tänzerin bei den Showcats, eine atemberaubende Show mit berauschender Musik, einer fantastischen Lichtershow und wild tanzenden Mädchen. Ausgedacht und gestaltet hat sich diese Show eine reale Musikerin und ich freue mich jedes Mal, wenn ich mit meinem Pixelmädchen auf der Bühne stehe und den tosenden Applaus höre. Weiterhin habe ich in Second Life die Möglichkeit bekommen Artikel zu schreiben. Real bekommt man ja selten die Gelegenheit, aber hier darf ich mich mit meinen ironischen Geschichten über Second Life und meinen Kolumnen austoben, die Zahl der Leser ist nicht gering. Desweiteren drehe ich viele Videos in und um Second Life, denn die Möglichkeiten hier sind einfach grenzenlos.
Auch in einem Roman dient Second Life bereits als Schauplatz. Ingrid Schmitz fühlte sich ebenso von dem zweiten Leben inspiriert und schrieb den Roman „2 Leben – 1 Tod“ (Droste Verlag).
Ich habe tolle Leute hinter den verrücktesten Gestalten kennen gelernt. Einen fantastischen realen Musiker, dessen Pixelmännchen mir wegen seiner verrückten bunten Hose auffiel. Er hat mich dazu gebracht, dass ich heute im realen Leben das Saxophon spielen lerne. Oder mein lieber Freund, der mir als Pinguin zuflog und im realen Leben als Führungsperson und Familienvater seinen Mann stehen muss und in Second Life einfach mal entspannt und wild mit seinem Schwert um sich schlägt oder als Rabe unterwegs ist.
Ich würde mich freuen, wenn ich Euch das zweite Leben ein wenig näher bringen konnte und mal unvoreingenommen meine Erlebnisse berichten konnte.
Schaut doch einfach mal vorbei, es „kostet nichts“……
Liebe Grüße
Emilie Ceawlin
Quellenangaben:
Emilie Ceawlin



